Typografie der Gedichtsammlung

Nach dem Lesen der Gedichte war sofort klar, dass hier jegliche Effekthascherei fehl am Platze sein würde. Dem stillen, genügsamen und bescheidenen Charakter des Textes musste die Typografie folgen.

Nach etlichen Probedrucken fiel die Wahl der Schriftart auf die Bitstream Schneidler, eine 1939 von Ernst Schneider entworfene Schrift im Stile einer venezianischen Renaissance-Antiqua. Ihre geringen Strichstärkenunterschiede, die weichen Serifen und die offenen  Formen passen sehr gut zu dieser ausgeglichenen Naturlyrik.

Für die Gedichtüberschriften kam ganz klassisch eine Kursive zum Einsatz. Eigentlich gab es keine kursive Schneidler. Deshalb fasste man 1982 die Amalthea (ebenfalls von Ernst Schneidler) mit der Schneidler zu einer Familie zusammen.

Für die Überschriften der Gedichtzyklen wurden, ebenfalls klassischer Typografie gemäß, Versalien benutzt, die hier gesperrt und ausgeglichen wurden. Diese Form wurde auch für die lebenden Kolumnentitel übernommen, die Kopflinie wurde in ihrer Strichstärke an die dicken Linien der Schneidler angepasst.

Vor den Satzzeichen "!", "?" und ":" wurde ein Spatium eingefügt.

Auf Kapitälchen für die Eigennamen und Minuskelziffern für die Pagina musste in Ermangelung des Expertensets der Schrift leider verzichtet werden.

Die konsequent auf Mitte gesetzte Typografie und die 12er-Teilung des Blattes für den Satzspiegel folgen ebenfalls klassischem Muster. Alle Gedichte wurden dabei optisch zentriert. Der Unterschied zwischen optischem und normalem Zentrieren wird besonders bei Gedichten mit stark unterschiedlicher Zeilenlänge (etwa "An unsere Kinder", Seite 40) offenbar.

Normale Zentrierung

      Mittelachse
           |
  kurz
  lang lang lang lang
  kurz
           |    
    

Wie man sieht, steht das Gedicht scheinbar zu weit links, obwohl es als Ganzes zentriert wurde.

Optische Zentrierung

      Mittelachse
           |
       kurz
       lang lang lang lang
       kurz
           |    
    

Hier ist die Ausrichtung besser. Das Gedicht wurde so zentriert, als ob alle Zeilen des Gedichtes die Länge von

       lang lang
    

aufwiesen. Bei allen Gedichten wurde also die Länge der Zeilen aufsummiert und durch die Anzahl der Zeilen geteilt. Die so ermittelte durchschnittliche Zeilenlänge wurde dann für das optische Zentrieren herangezogen.

Problematisch ist die optische Zentrierung lediglich bei extrem unterschiedlichen Zeilenlängen. Hier fällt die durchschnittliche Zeilenlänge so gering aus, dass die längste Zeile rechts aus dem Satzspiegel oder sogar aus der Seite herausragt. Eine leichte Satzspiegelüberschreitung spielt allerdings bei DTP-Programmen keine Rolle mehr (im Gegensatz zum Bleisatz), sie ist sogar wesentlich weniger auffällig als umlaufende Zeilen, die den Lesefluss sehr spürbar hemmen. Solche Zeilen konnten komplett vermieden werden.

Gedichte, die auf eine Seite passten, wurden vertikal leicht oberhalb der Blattmitte positioniert, während mehrseitige Gedichte immer am oberen Rand des Satzspiegels stehen. Auf diese Weise erfährt der Leser schon beim Lesen der Überschrift, dass das Gedicht nicht mit der Seite endet.

Wir hoffen, dass sich unsere Mühen gelohnt haben!


Axel Reichert
Last modified: Mon May 1 17:15:36 CEST 2000